Ein Gehirn-Supplement, das mit einer kürzeren Lebensspanne bei Männern assoziiert ist
Tyrosin ist in Dutzenden von „Fokus-Supplements" als sicher und gehirnfördernd vertreten. Doch eine Großstudie berichtet etwas, das Hersteller lieber nicht auf das Etikett drucken: Bei Männern sind höhere Tyrosinspiegel mit einer geringeren Lebenserwartung verbunden.
Tyrosin ist eine Aminosäure, die der Körper aus Nahrungsprotein herstellt. Sie dient als Baustein für Dopamin und andere Signalmoleküle im Gehirn. Supplementhersteller vermarkten sie als Mittel für bessere Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit. Diese Geschichte stimmt teilweise: Tyrosin spielt tatsächlich eine Rolle im Gehirnstoffwechsel. Welche Langzeitwirkungen höhere Blutspiegel jedoch haben, war bislang kaum erforscht.
Knapp ein Jahr weniger
Forschende analysierten Daten einer großen Kohorte und untersuchten den Zusammenhang zwischen gemessenen Tyrosinspiegeln im Blut und der Lebensdauer. Bei Männern mit höheren Tyrosinwerten lag die Lebenserwartung im Durchschnitt um knapp ein Jahr niedriger. Die Studie beschreibt dies als statistischen Zusammenhang, nicht als nachgewiesene Kausalbeziehung. Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Bei Frauen zeigte sich kein vergleichbares Muster, was darauf hindeutet, dass der Effekt geschlechtsspezifisch sein könnte. Warum das so ist, bleibt unklar. Mögliche Erklärungen liegen in Stoffwechselunterschieden oder in der Art, wie Männer und Frauen Tyrosin in andere Verbindungen umwandeln.
Assoziation oder Ursache?
Was diesen Befund schwer interpretierbar macht, ist das Studiendesign. Beobachtungsstudien erkennen Zusammenhänge, keine Kausalitäten. Höhere Tyrosinspiegel müssen keine kürzere Lebensspanne verursachen; sie könnten stattdessen ein Nebenprodukt anderer Faktoren sein, etwa der Ernährung, der Stoffwechselgesundheit oder der Genetik. Weitere Forschung ist nötig, um die plausibelste Erklärung zu ermitteln.
Dennoch geben die Ergebnisse Anlass zur Vorsicht beim Einnehmen von Tyrosin-Supplements, insbesondere in hohen Dosen. Die Supplementbranche arbeitet häufig nach dem Prinzip, dass mehr besser ist, wenn etwas im gesunden Körper eine Rolle spielt. Diese Daten stellen diese Annahme infrage. Vorerst empfiehlt es sich, auf weitere Belege zu warten, bevor dieses Supplement regelmäßig eingenommen wird.