Ein Wachstumsfaktor und ein Anti-Aging-Protein könnten die häufigste Ursache von Rückenschmerzen verlangsamen
Verschlissene Bandscheiben sind für einen Großteil der Rückenschmerzen verantwortlich, die mit zunehmendem Alter nahezu unvermeidlich werden. Forschende haben nun herausgefunden, wie ein Wachstumsfaktor und ein zelluläres Protein zusammenwirken, um diesen Abbau zu verlangsamen – zumindest bei Ratten.
Bandscheiben sind die Stoßdämpfer der Wirbelsäule. Jede Bandscheibe besteht aus einem zähen äußeren Ring und einem gelartigen Kern, der Bewegung ermöglicht und Stöße abfedert. Mit zunehmendem Alter trocknen sie aus, versteifen sich und entwickeln Mikrorisse. Die Folge ist chronischer Rückenschmerz im unteren Rückenbereich, der das Alltagsleben von Hunderten Millionen Menschen weltweit einschränkt. Die Bandscheibendegeneration (IDD) gehört zu den häufigsten altersbedingten Erkrankungen, doch die Behandlungsmöglichkeiten konzentrieren sich nach wie vor weitgehend auf die Schmerzlinderung, anstatt die zugrunde liegende Biologie anzugehen.
Eine neue Studie, veröffentlicht in Aging Cell und von Lifespan.io berichtet, untersuchte, ob FGF21, der Fibroblasten-Wachstumsfaktor 21, ein Protein das vor allem für seine Rolle bei der Stoffwechselregulation bekannt ist, die Bandscheibealterung verlangsamen könnte. Die Forschenden stellten fest, dass FGF21 über SIRT1 wirkt, ein Mitglied der Sirtuin-Familie: Proteinen, die an der DNA-Reparatur, zellulären Stressreaktionen und der Entzündungskontrolle beteiligt sind. SIRT1 ist ein wiederkehrendes Ziel in der Alternsforschung, unter anderem weil es eine Rolle bei der Vermittlung der Effekte von Kalorienrestriktion spielt.
Was in der Bandscheibenzelle geschieht
Bei Ratten mit experimentell ausgelöster Bandscheibendegeneration steigerte eine FGF21-Behandlung die SIRT1-Aktivität in den Bandscheibenzellen. Damit einher gingen ein verringerter oxidativer Schaden, also Schäden durch reaktive Sauerstoffmoleküle, sowie ein verlangsamter Abbau der extrazellulären Matrix, des strukturellen Gerüsts, das die Bandscheibe zusammenhält. Vereinfacht ausgedrückt: Die Bandscheibenzellen hielten besser stand und zeigten weniger Anzeichen altersbedingter Degeneration.
Was diesen Befund über ein Nischenergebnis hinaushebt, ist das bekannte Wirkungsspektrum von FGF21. Das Molekül ist bereits als Regulator des Fettstoffwechsels, der Insulinsensitivität und des Schutzes vor adipositasbedingten Schäden anerkannt. Dass dasselbe Molekül auch die Bandscheibengesundheit beeinflusst, verdeutlicht, wie das Altern in verschiedenen Geweben häufig über überlappende biologische Signalwege verläuft.
Der Weg von der Ratte zum Menschen ist noch enorm weit
Die üblichen Vorbehalte gelten hier mit besonderer Gewicht. Rattenmodelle für Rückenschmerzen lassen sich bekanntermaßen schwer auf den Menschen übertragen, nicht nur wegen anatomischer Unterschiede, sondern auch weil Menschen aufrecht gehen, was völlig andere mechanische Belastungen auf die Wirbelsäule ausübt. FGF21 hat zudem breite systemische Wirkungen, sodass eine therapeutische Verabreichung unbeabsichtigte Folgen an anderer Stelle im Körper auslösen könnte.
Dennoch trägt die Studie zu einem sich langsam herausbildenden Bild bei: Bandscheibendegeneration ist möglicherweise keine unausweichliche Folge des Älterwerdens, sondern ein biologischer Prozess mit identifizierbaren und potenziell beeinflussbaren Mechanismen. Ob FGF21 oder SIRT1-Aktivatoren jemals klinisch praktikabel bei Rückenerkrankungen werden, ist eine Frage, deren Beantwortung noch viele weitere Jahre und ganz andere Arten von Studien erfordern wird.