Warum bekommen manche Frauen nach der Geburt Schilddrüsenprobleme?
Nach der Geburt schießt das Immunsystem manchmal über das Ziel hinaus und schädigt die Schilddrüse, was bei etwa 5 % der Frauen zu vorübergehenden Hormonstörungen führt. Wenn du Schilddrüsenantikörper hast oder bereits eine postpartale Thyreoiditis durchgemacht hast, sprich mit deinem Arzt über regelmäßige Kontrollen der Schilddrüsenfunktion.
Während der Schwangerschaft drosselt der Körper das Immunsystem, damit es den Fötus nicht angreift. Nach der Geburt fällt diese Bremse weg, und das Immunsystem kann zurückschlagen. Bei einem Teil der Frauen richtet sich dieser Gegenangriff gegen die Schilddrüse: Weiße Blutkörperchen schädigen das Schilddrüsengewebe, sodass Schilddrüsenzellen Hormon ins Blut abgeben, das dort nicht hingehört. Dieses Phänomen heißt postpartale Thyreoiditis und betrifft etwa 5 % aller Frauen im ersten Jahr nach der Entbindung.
Die Erkrankung verläuft häufig in Phasen. Zunächst sorgt das austretende Hormon für eine vorübergehend überaktive Schilddrüse: Du kannst dich getrieben, überhitzt oder innerlich unruhig fühlen. Ist der Hormonspeicher erschöpft, folgt oft eine Phase mit Schilddrüsenunterfunktion, die sich durch Erschöpfung, Kälteempfindlichkeit und gedrückte Stimmung bemerkbar macht. Bei den meisten Frauen erholt sich die Schilddrüse danach von selbst, ein Teil behält jedoch dauerhaft eine Unterfunktion.
Frauen, die bereits vor oder während der Schwangerschaft Antikörper gegen das Schilddrüsenenzym TPO im Blut haben, tragen ein erhöhtes Risiko für eine postpartale Thyreoiditis. Diese Antikörper sind auch das Merkmal der Hashimoto-Thyreoiditis, der häufigsten Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die ohnehin deutlich öfter Frauen betrifft. Sind die Antikörper bereits nachweisbar, steigt die Wahrscheinlichkeit von Beschwerden nach der Geburt erheblich.
Wer bereits eine postpartale Thyreoiditis hatte, muss bei einer weiteren Schwangerschaft mit einem erhöhten Rückfallrisiko rechnen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit größer, langfristig eine dauerhafte Hypothyreose zu entwickeln. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen der Schilddrüsenfunktion sind dann sinnvoll. Eine weniger bekannte Fehlerquelle ist übrigens eine hohe Jodaufnahme, etwa durch bestimmte Röntgenkontrastmittel oder Nahrungsergänzungsmittel: Frauen mit einer vorausgegangenen postpartalen Thyreoiditis scheinen dafür empfindlicher zu sein.
Bei einer kleinen Gruppe von Frauen mit schweren psychiatrischen Beschwerden nach der Geburt kann eine Autoimmunreaktion der Schilddrüse die eigentliche oder mitverursachende Ursache sein. Das trifft zwar nur auf eine Minderheit zu, verdeutlicht aber, warum eine Schilddrüsendiagnostik sinnvoll sein kann, wenn nach der Entbindung auffällige psychische Symptome auftreten.
Alle Aussagen stützen sich auf PMID 30844908, 34983968, 34913664, 24434360, 38044176, 11396709, 28290237 und 27609245. Es handelt sich überwiegend um Beobachtungsstudien und klinische Leitlinien. Großangelegte RCTs zum kausalen Nachweis der Immunmechanismen liegen nicht vor, doch die Zusammenhänge sind konsistent belegt und die Pathophysiologie gut beschrieben.