Was hat Krebs mit seneszenten Zellen zu tun?
Seneszente Zellen schützen zunächst vor Krebs, können aber wenn sie sich ansammeln über Entzündungsbotenstoffe und ein geschwächtes Immunsystem das Tumorwachstum begünstigen. Dieser doppelte Mechanismus ist biologisch gut beschrieben, doch wie man als Einzelperson darauf Einfluss nehmen kann, ist noch Gegenstand laufender Forschung.
Seneszente Zellen, auch alternde oder vergreiste Zellen genannt, haben sich dauerhaft aus dem Zellzyklus verabschiedet. Das klingt harmlos, doch ihr Verhältnis zu Krebs ist zweischneidig. Einerseits wirkt Seneszenz wie eine eingebaute Sicherheitsbremse: Zellen, die sich in Richtung bösartiger Veränderung bewegen, werden in diesen permanenten Stillstand gezwungen. Wer diesen Mechanismus umgeht, macht damit einen bekannten Schritt auf dem Weg zur Krebsentstehung.
Die Kehrseite zeigt sich, wenn sich seneszente Zellen im Gewebe ansammeln, wie es beim Altern passiert. Sie schütten dann ein Gemisch aus Entzündungsbotenstoffen aus, den sogenannten SASP. Dieses entzündliche Milieu kann Tumorwachstum eher befeuern als bremsen. Dazu schwächt das Altern das Immunsystem, das Krebszellen dadurch schlechter aufspürt und beseitigt. Dieser Zusammenhang ist plausibel, aber noch nicht vollständig aufgeklärt.
Bei bestimmten Krebsarten spielt die Seneszenz von Immunzellen eine konkrete Rolle. Bei Lungenkrebs häuften sich in Mausmodellen früh seneszente Lungenmakrophagen im Tumor an. Sie dämpften die Immunantwort und förderten das Tumorwachstum; wurden diese Zellen entfernt, nahm die Tumorentwicklung ab. Ähnliche Zellen wurden auch in menschlichem Lungenkrebsgewebe nachgewiesen. Bei Prostatakrebs treiben Tumorzellen neutrophile Granulozyten über ein Signalprotein-Paar in einen seneszenten Zustand, woraufhin diese Zellen die Abwehr unterdrücken. Hohe Spiegel dieser Proteine gingen mit einer schlechteren Prognose einher.
Auch die Krebstherapie selbst ist Teil des Bildes. Chemo- und Strahlentherapie können Tumorzellen in Seneszenz treiben, was zunächst nützlich ist. Die Entzündungsstoffe, die diese seneszenten Tumorzellen dann freisetzen, können jedoch ruhende Krebsstammzellen reaktivieren und so das Rückfallrisiko erhöhen. Das ist ein realer Risikofaktor, wobei diese Evidenz überwiegend aus Laborstudien stammt. Bei triple-negativem Brustkrebs beobachteten Forschende, dass körpereigene Immunzellen seneszent werden können, was die Wirksamkeit moderner Immuntherapien verringerte.
Die Wissenschaft sucht nach Wegen, Zellseneszenz gezielt zu nutzen oder umzukehren. Ein experimenteller Ansatz, bei dem speziell konstruierte Immunzellen (CAR-T-Zellen) seneszente Zellen gezielt beseitigen, verlängerte das Überleben von Mäusen mit Lungenkrebs. Bislang ist das jedoch ausschließlich im Tiermodell gezeigt worden. Seneszente Zellen im Gewebe präziser zu erkennen, bleibt ein aktives Forschungsfeld: Wer diese Zellen besser identifizieren kann, hat die Grundlage für gezieltere Eingriffe.
Die dargestellten Zusammenhänge stützen sich auf eine Kombination aus mechanistischen Studien, Tiermodellen und begrenzten Untersuchungen an menschlichem Gewebe. Große klinische Studien fehlen; die meisten Befunde sind beobachtender oder experimenteller Natur (Tier/Labor). Kausalität beim Menschen ist für mehrere Teilaspekte plausibel, aber noch nicht belegt.