Was ist oxidativer Stress – und wie schlimm ist er wirklich?
Oxidativer Stress ist ein realer biologischer Mechanismus, der an mehreren altersbedingten Erkrankungen beteiligt ist. Er ist aber stets nur eine von mehreren Ursachen – und dass Antioxidantien als Nahrungsergänzungsmittel bei gesunden Menschen etwas daran ändern, ist nicht belegt.
Oxidativer Stress entsteht, wenn deine Zellen mehr schädliche Sauerstoffradikale produzieren, als sie abbauen können. Diese Radikale fallen beim normalen Stoffwechsel an, entstehen aber auch durch UV-Strahlung und Alkohol. Werden sie nicht schnell genug neutralisiert, greifen sie Fette, Eiweiße und DNA in deinen Zellen an. Über lange Zeit kann das zur vorzeitigen Zellalterung beitragen1.
Am deutlichsten belegt ist der Zusammenhang in der Haut. Sowohl die innere Alterung als auch UV von außen erzeugen oxidativen Stress – mit der Folge von Falten, nachlassender Elastizität und Pigmentflecken. UV beschleunigt diesen Prozess zusätzlich, obendrauf zur normalen Alterung. Dennoch ist es immer ein Zusammenspiel mehrerer Mechanismen1.
Jenseits der Haut ist oxidativer Stress an verschiedenen Erkrankungen beteiligt, allerdings nie als alleinige Ursache. Bei Menschen mit Adipositas trägt er zum Muskelabbau bei, gemeinsam mit Fetteinlagerungen und einer gestörten Funktion der zellulären Kraftwerke. Bei Alzheimer gilt er zunehmend als zentraler Faktor neben den bekannten Eiweißablagerungen im Gehirn. Und bei langjährigem starkem Alkoholkonsum – in der Regel mehr als 80 Gramm pro Tag über mindestens fünf Jahre – schädigt oxidativer Stress das Herzmuskelgewebe und kann zu einem vergrößerten, schlecht pumpenden Herzen führen2,3,4.
Bei älteren, gebrechlichen Menschen wurde ebenfalls ein Zusammenhang gefunden, aber die Forschung steckt noch in den Anfängen. Bislang handelt es sich um eine Assoziation, keinen bewiesenen Kausalzusammenhang. Hinzu kommt: Einen zuverlässigen Bluttest, mit dem sich oxidativer Stress sinnvoll messen oder im Verlauf beobachten ließe, gibt es noch nicht5.
Und was ist mit Antioxidantien? Im Labor neutralisieren sie schädliche Sauerstoffradikale einwandfrei. Ob das beim Menschen aber tatsächlich zu weniger Krankheit oder einem längeren Leben führt, ist bislang nicht belegt. Der Schritt vom Reagenzglas in den Körper ist also noch längst nicht getan. Wer jetzt etwas bewirken möchte, ist mit dem Vermeiden von übermäßigem Alkohol und UV-Exposition besser beraten als mit Nahrungsergänzungsmitteln6,7.
Alle Aussagen stützen sich auf Reviews: PMID 32105850 zur Hautalterung, ergänzt durch separate Reviews zu Adipositas und Muskelschwund (37380015), Alzheimer (40023293), alkoholbedingter Herzinsuffizienz (38848133), Gebrechlichkeit im Alter (38631189) sowie zur Messung von Antioxidantien (40232392, 32180036). Große randomisierte Studien oder Metaanalysen mit harten klinischen Endpunkten wurden nicht herangezogen.