Blockade eines Hungerhormon-Rezeptors stärkt die Muskeln im Alter – zumindest bei Mäusen
Ghrelin gilt gemeinhin als das Hungerhormon schlechthin. Dass es im Alter offenbar auch die Muskelgesundheit untergräbt, ist weit weniger bekannt. Forschende haben nun gezeigt, dass die Blockade des Ghrelin-Rezeptors die Muskelfunktion älterer Mäuse deutlich verbessert – ein Befund mit möglichen Konsequenzen für die Behandlung von Sarkopenie, dem Muskelabbau, der Millionen älterer Menschen betrifft.
Sarkopenie, der schleichende Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft im Zuge des Alterns, gehört zu den am häufigsten unterschätzten Gesundheitsproblemen einer alternden Gesellschaft. Sie erhöht das Sturzrisiko, verlangsamt die Genesung nach Krankheiten und ist mit einer verkürzten Lebenserwartung verbunden. Wirksame medikamentöse Behandlungen sind rar. Körperliches Training hilft zwar, doch nicht alle Menschen können ausreichend trainieren, und sein Nutzen nimmt in fortgeschrittenem Alter ab.
Ghrelin, das im Magen produziert wird, steigt mit zunehmendem Alter im Blut an. Das klingt zunächst paradox: Ein appetitanregendes Hormon sollte eigentlich die Nahrungsaufnahme fördern und damit die Muskulatur versorgen. Doch frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass das Ausschalten von Ghrelin bei älteren Mäusen die Mitochondrienfunktion wiederherstellt, Fettleibigkeit bekämpft und die Muskelkraft zurückbringt. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen; funktionieren sie nicht mehr einwandfrei, büßen die Muskeln ihre Leistungsfähigkeit ein.
Der Rezeptor als Angriffspunkt, nicht das Hormon
Die neue Studie, veröffentlicht in Aging Cell, richtet den Blick nicht auf das Hormon selbst, sondern auf den Rezeptor, an den es bindet: den Ghrelin-Rezeptor, auch bekannt als GHSR (growth hormone secretagogue receptor). Durch die Hemmung dieses Rezeptors bei älteren Mäusen erzielten die Forschenden eine messbare Verbesserung der Muskelfunktion. Das ist ein feiner, aber bedeutsamer Unterschied: Die Blockade eines Rezeptors ist pharmakologisch deutlich einfacher umzusetzen als die vollständige Ausschaltung eines Hormons – Rezeptorblocker existieren bereits für Dutzende anderer Erkrankungen.
Die Forschenden beobachteten Verbesserungen sowohl bei der Muskelmasse als auch bei der funktionellen Muskelkraft. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, doch es gibt Hinweise, dass der Ghrelin-Rezeptor in Muskelgewebe metabolische Prozesse beeinflusst, die im Alter aus dem Gleichgewicht geraten – darunter die mitochondriale Aktivität und die Proteinsynthese.
Von der Maus zum Menschen: ein langer Weg
Vorsicht ist dennoch geboten. Was bei Mäusen funktioniert, lässt sich nicht immer auf den Menschen übertragen, und die Physiologie des Alterns unterscheidet sich zwischen den Spezies erheblich. Ghrelin erfüllt im Körper zudem mehrere Funktionen, unter anderem bei der Schlafregulation und der Kognition. Eine langfristige Rezeptorblockade könnte daher Nebenwirkungen hervorrufen, die in kurzfristigen Tierversuchen noch nicht sichtbar werden. Dennoch markiert diese Forschung einen potenziell vielversprechenden neuen Ansatzpunkt im Kampf gegen Sarkopenie – eine Erkrankung, für die die Behandlungsmöglichkeiten bislang enttäuschend begrenzt geblieben sind.