Können Hormone erklären, warum Frauen im Durchschnitt länger leben als Männer?
Hormone tragen wahrscheinlich zum Überlebensvorteil von Frauen bei, erklären ihn aber nicht vollständig. Wer das eigene Risikoprofil besser verstehen möchte, sollte Lebensstil und genetische Faktoren mindestens genauso im Blick behalten.
Frauen leben unter nahezu allen Bedingungen länger als Männer – doch eine einzige, alles erklärende Ursache gibt es nicht. Hormone, Geschlechtschromosomen und mitochondriale Vererbung werden alle als mögliche Mechanismen diskutiert. Für jeden davon fehlt bislang ein solider, eindeutiger Beweis.
Das deutlichste hormonale Signal kommt von den Eierstöcken bei Frauen und den Hoden bei Männern. Historische Daten über Männer, die vor der Pubertät kastriert wurden, zeigen, dass sie deutlich älter wurden als nicht kastrierte Männer. Dasselbe Muster findet sich bei kastrierten männlichen Säugetieren unter kontrollierten Bedingungen. Das legt nahe, dass Androgene (männliche Geschlechtshormone) die Lebensspanne verkürzen. Bei Frauen dreht sich das Bild um: Werden die Eierstöcke chirurgisch entfernt, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit leicht. Das deutet darauf hin, dass Östrogen auch nach dem Ende der fruchtbaren Jahre noch eine schützende Wirkung entfaltet.
Östrogen schützt Herz und Gefäße – zumindest vor den Wechseljahren. Junge Frauen haben ein geringeres Herzerkrankungsrisiko als gleichaltrige Männer. Nach der Menopause verschwindet dieser Vorteil. Östrogen beeinflusst außerdem Systeme, die den Blutdruck regulieren. Dieser Mechanismus ist plausibel, aber es ist noch nicht belegt, dass er die gesamte Lebenserwartungslücke zwischen den Geschlechtern erklärt.
Das Bild ist für Frauen gleichzeitig nicht ungetrübt. Hormonelle Schwankungen über die Lebensspanne erhöhen bei Frauen das Risiko für Schlafstörungen. Nach den Wechseljahren kann das veränderte Hormomprofil die Anfälligkeit für oxidativen Stress und möglicherweise neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer steigern. Und obwohl Frauen länger leben, verbringen sie diese zusätzlichen Jahre häufiger mit Krankheit und Einschränkungen als Männer. Eine längere Lebensdauer bedeutet also nicht automatisch mehr gesunde Lebensjahre.
Neben den Hormonen spielt auch die Fortpflanzung selbst eine Rolle. Sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Säugetieren verschiedener Arten geht Sterilisation mit einer längeren Lebensdauer einher. Das weist darauf hin, dass der Fortpflanzungsprozess als solcher Energie kostet und Schäden verursacht. Telomere, die schützenden Enden der Chromosomen, sind bei Männern im Schnitt kürzer als bei Frauen, was möglicherweise einen Beitrag leistet. Dieses Muster ist allerdings nicht universell über Tierarten hinweg, und es bleibt unklar, ob es Ursache oder Folge ist.
Die genannten Zusammenhänge stützen sich auf eine Kombination aus Assoziationsstudien am Menschen, Tierstudien und mechanistischen Untersuchungen. Große randomisierte Studien existieren für diese Frage nicht. Kausalität ist bei den meisten Mechanismen plausibel, aber nicht belegt.