Was ist Epigenetik, und kannst du deine Gene beeinflussen?
Lebensstil und Umwelt beeinflussen tatsächlich, wie deine Gene arbeiten – konkrete Anwendungen für gesunde Menschen gibt es aber noch nicht: Bestehende epigenetische Medikamente sind für Krebspatienten entwickelt worden, nicht zur Selbstoptimierung.
Epigenetik beschreibt, wie Gene aktiviert oder stillgelegt werden, ohne dass sich die DNA-Sequenz selbst verändert. Das geschieht über chemische Markierungen auf der DNA, über Veränderungen an den Proteinen, um die die DNA gewickelt ist, sowie über kurze RNA-Moleküle, die die Genaktivität regulieren. Diese Veränderungen werden bei jeder Zellteilung weitergegeben, lassen die DNA-Sequenz dabei aber völlig unberührt1,2.
Gerät diese Regulation aus dem Gleichgewicht, können ernsthafte Erkrankungen entstehen. Bei Krebs gehören gestörte epigenetische Muster zu den häufigsten Merkmalen und tragen aktiv zum Tumorwachstum bei. Auch Autoimmunerkrankungen werden damit in Verbindung gebracht. Stoffwechselprozesse spielen dabei eine verstärkende Rolle: Ihre Abbauprodukte können epigenetische Enzyme an- oder abschalten und so die Genaktivität weiter aus dem Takt bringen3,4.
Ein entscheidender Vorteil gegenüber echten DNA-Mutationen ist, dass epigenetische Veränderungen grundsätzlich umkehrbar sind. Inzwischen gibt es Medikamente, die gezielt in epigenetische Mechanismen eingreifen. Bei bestimmten Formen von Lymphomen und Prä-Leukämien zeigen diese Wirkstoffe vielversprechende Ergebnisse. Bei Lungen- und Darmkrebs zeichnen sich erste positive Signale ab, doch die Forschung steckt hier noch in den Anfängen5,6.
Das Epigenom verändert sich auch ganz natürlich mit dem Alter: Methylierungsmuster verschieben sich, und die DNA wird im Zellkern anders verpackt. Diese Verschiebungen hängen mit dem Abbau von Gewebe und einem erhöhten Risiko für Alterskrankheiten zusammen. Forscher suchen nach Wegen, diesen Prozess gewissermaßen umzukehren, doch die entsprechende Forschung findet bislang größtenteils im Mausmodell statt. Für gesunde Menschen gibt es noch keine belastbaren Anwendungen7.
Auch bei Asthma wurden epigenetische Unterschiede zwischen Patientinnen und Patienten sowie zwischen verschiedenen Zelltypen gefunden, die mit Atemwegsentzündungen und -umbauprozessen zusammenhängen. Ob diese Veränderungen den Krankheitsverlauf direkt steuern, ist bisher nicht ausreichend geklärt2.
Die Grundlagenbiologie der Epigenetik ist durch mehrere Publikationen solide belegt (PMID 32445090, 33673725, 25966315, 22770212, 32114424, 32782366). Die Anwendungen in der Krebstherapie sind mäßig belegt und klinisch auf spezifische Blutkrebsarten beschränkt. Die Forschung zur Hemmung des Alterungsprozesses stützt sich auf begrenzte Evidenz (PMID 32020082) und befindet sich noch in einem frühen experimentellen Stadium.