Abnehmen setzt das Immunsystem nicht vollständig zurück – es erinnert sich möglicherweise jahrelang an Adipositas
Die Kilos können verschwinden. Doch einer neuen Mausstudie zufolge bewahrt das Immunsystem womöglich eine Erinnerung an die Adipositas, lange nachdem die Waage wieder Normalwerte zeigt – und hält das Entzündungsniveau über Wochen erhöht, möglicherweise noch deutlich länger.
Adipositas gilt seit Langem als Zustand chronischer niedriggradiger Entzündung. Fettgewebe setzt Signalmoleküle frei, die T-Zellen aktivieren – jene weißen Blutkörperchen, die eigentlich zur Infektionsabwehr bestimmt sind. Bei anhaltender Adipositas wechseln diese T-Zellen in einen proinflammatorischen Modus und produzieren dauerhaft Substanzen, die Entzündungsprozesse befeuern, auch wenn kein Krankheitserreger zu bekämpfen ist.
Ein neuer Befund geht noch einen Schritt weiter: Bei Mäusen hielt dieses proinflammatorische Profil noch wochenlang an, nachdem die Tiere zu einem Normalgewicht zurückgekehrt waren. Die T-Zellen schienen eine Art Gedächtnis an den Zustand der Adipositas behalten zu haben. Forschende bezeichnen dies als epigenetisches Gedächtnis – Veränderungen darin, wie Gene in diesen Zellen abgelesen und exprimiert werden, ohne dass die zugrundeliegende DNA-Sequenz selbst verändert wurde. Die Zellen hatten gewissermaßen eine Einstellung beibehalten, die längst nicht mehr gebraucht wurde.
Was das für Menschen bedeutet, die abnehmen
Die gesundheitspolitische Tragweite ist erheblich. Weltweit leben Milliarden Menschen mit Übergewicht oder Adipositas. Die gängige Botschaft lautete stets: Wer abnimmt, verbessert seine Gesundheit. Das gilt nach wie vor für viele Parameter – Blutdruck, Blutzucker, Gelenkbelastung. Doch wenn das Immunsystem ein Entzündungsgedächtnis bewahrt, könnte ein Teil des kardiovaskulären und metabolischen Risikos auch bei Menschen fortbestehen, die erfolgreich abgenommen haben.
Die Forschung beschränkt sich bislang auf Mäuse. Ob derselbe Mechanismus beim Menschen greift und wie lange ein solches Gedächtnis anhält – Wochen, Monate oder Jahre – ist noch ungeklärt. Das ist eine entscheidende Frage, denn die Antwort bestimmt, ob Menschen nach einer Gewichtsabnahme zusätzliche Behandlungen benötigen, die gezielt auf das Immunsystem abzielen und nicht nur auf das Gewicht selbst.
Eine mögliche Erklärung, warum Jo-jo-Diäten so schädlich sind
Der Befund wirft zudem ein neues Licht auf die Risiken wiederholter Gewichtsschwankungen. Wenn das Immunsystem bereits ein Entzündungsgedächtnis aufgebaut hat und jemand anschließend wieder zunimmt, startet der Körper möglicherweise nicht bei null. Stattdessen könnten sich neue Entzündungssignale auf ein bereits sensibilisiertes System schichten. Das könnte erklären, warum wiederholte Gewichtsschwankungen mit einem höheren kardiovaskulären Risiko verbunden sind als stabiles Übergewicht.
Die nächste zentrale Forschungsfrage lautet: Lässt sich dieses Immungedächtnis löschen oder umprogrammieren? Medikamente, die das Verhalten von T-Zellen modulieren, werden bereits bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Ob sie auch hier eine Rolle spielen könnten, ist noch offen – aber diese Frage ist plötzlich erheblich dringlicher geworden.