Ist Testosteron auch für Frauen wichtig?
Testosteron ist auch für Frauen ein wichtiges Hormon. Am besten belegt ist die Wirkung auf die Libido nach den Wechseljahren: Transdermal funktioniert es – aber immer in Absprache mit einem Arzt, da die Langzeitsicherheit noch nicht abschließend geklärt ist.
Testosteron ist bei Frauen das biologisch aktivste Hormon im Blut – es liegt in höheren Konzentrationen vor als Östradiol. Es wirkt teils direkt im Gewebe und wird teils in Östradiol umgewandelt. Wie genau das alles funktioniert, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht vollständig geklärt.
Am stärksten belegt ist die Wirkung auf die Libido. Bei Frauen nach den Wechseljahren mit niedrigem sexuellen Verlangen zeigt eine Metaanalyse aus 36 randomisierten Studien mit über 8.400 Teilnehmerinnen: Testosteron, auf die Haut aufgetragen, erhöht die Zahl befriedigender sexueller Erlebnisse, steigert das Verlangen und verringert sexuellen Leidensdruck1. Der Effekt ist real, aber moderat – im Schnitt weniger als ein zusätzliches befriedigendes Erlebnis pro Monat gegenüber Placebo.
Bei der Sicherheit lohnt ein genauerer Blick. Transdermal angewendetes Testosteron zeigt in den vorliegenden Studien keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, doch Akne und verstärkter Körperhaarwuchs traten häufiger auf2,3. Testosteron in Tablettenform ist eine andere Geschichte: Diese Form senkt das HDL-Cholesterin und erhöht das LDL – ein ungünstiger Effekt fürs Herz. Tabletten werden daher nicht empfohlen. Auch individuell hergestellte Präparate von nicht zugelassenen Anbietern sind abzulehnen, da weder Wirksamkeit noch Sicherheit belegt sind.
Mindestens genauso wichtig ist, was Testosteron bei Frauen nachweislich nicht leistet. Aktuelle Daten stützen keine Wirkung auf Knochengesundheit, Energie oder kognitive Leistungsfähigkeit. Es gibt erste Hinweise, dass transdermales Testosteron Stimmungsprobleme und kognitive Beschwerden in den Wechseljahren lindern könnte – doch diese beruhen auf einer einzigen retrospektiven Studie ohne Kontrollgruppe (n=510,4. Randomisierte Studien dazu fehlen bislang.
Ein wichtiger Vorbehalt: Die Langzeitsicherheit ist noch nicht ausreichend belegt. Weltweit gibt es in den meisten Ländern keine zugelassenen Testosteronpräparate für Frauen – eben weil Langzeitdaten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs fehlen. Setze es deshalb nur in Absprache mit einem Arzt und möglichst transdermal ein. Am anderen Ende des Spektrums verursacht zu viel Testosteron – etwa bei PCOS – eindeutige Beschwerden wie übermäßigen Haarwuchs. Eine Messung ist dann sinnvoll, wenngleich kommerziell erhältliche Tests nicht immer zuverlässig sind5,6,7.
Basierend auf einer Metaanalyse aus 36 randomisierten Studien (n=8.480) zu sexuellen Endpunkten (PMID 31353194), ergänzenden systematischen Reviews und Konsensuserklärungen (PMID 33814355, 40706034), einer retrospektiven Kohortenstudie zu Stimmung und Kognition (n=510, PMID 39283522) sowie narrativen Reviews zu Physiologie und Testosteron-Überschuss (PMID 26358173, 23380529, 34688417).