Lohnt sich ein Kalzium-Score fürs Herz?
Bist du unsicher, ob du Statine nehmen solltest oder nicht? Dann kann ein Kalzium-Score diese Entscheidung unterstützen: Ein Wert von null gibt echte Entwarnung, ein Wert über 300 ist Anlass für ein ernstes Gespräch mit deinem Kardiologen.
Ein Kalzium-Score ist eine CT-Aufnahme deines Herzens, die misst, wie viel Kalk in den Wänden deiner Herzkranzgefäße steckt. Je mehr Kalk, desto ausgeprägter ist in der Regel die Arterienverkalkung – und desto höher das Herzinfarktrisiko. Einordnen lässt sich der Wert aber nur im Vergleich mit Gleichaltrigen desselben Geschlechts: Ein Score von 100 bei einem 45-jährigen Mann bedeutet etwas ganz anderes als derselbe Wert bei einer 70-jährigen Frau. Das zeigt die große MESA-Studie mit mehr als 6.000 Teilnehmern1.
Der Zugewinn an Vorhersagegenauigkeit ist statistisch nachweisbar, aber bescheiden. Wer den Kalzium-Score zu herkömmlichen Risikoberechnungen hinzufügt, verbessert die Treffsicherheit im Schnitt um lediglich 0,036 auf einer Skala von 0 bis 1 – so das Ergebnis einer Metaanalyse in JAMA Internal Medicine2. Dazu kommen Nachteile: Die Aufnahme geht mit einer geringen Strahlendosis einher, und gelegentlich tauchen Zufallsbefunde in der Lunge auf, die unnötige Folgeuntersuchungen nach sich ziehen. Von den Personen, die aufgrund ihres Scores in eine höhere Risikogruppe eingestuft wurden, erlitten 85,5 bis 96,4 Prozent in den folgenden 5 bis 10 Jahren trotzdem kein kardiales Ereignis. Eine Höherstufung führt also häufig zu unbegründeter Sorge.
Der eigentliche klinische Nutzen liegt an den beiden Extremen. Ein Score von null – kein Kalk sichtbar – ist ausgesprochen beruhigend: Je nach Altersgruppe schließt er eine klinisch relevante Herzkranzgefäßerkrankung zu 94 bis 100 Prozent aus3,4. Das kann ein Argument dafür sein, Vorbeugungsmedikamente wie Statine zunächst aufzuschieben. Am anderen Ende der Skala zeigte sich, dass Menschen ohne bekannte Herzerkrankung, aber mit einem Score über 300, ein genauso hohes Risiko hatten wie Personen, die bereits einen Herzinfarkt oder einen Stent hinter sich hatten5. Das ist ein ernstes Signal – auch wenn es für diese Gruppe bislang kein erprobtes Behandlungsprotokoll gibt.
Führende Leitlinien, darunter die der ACC/AHA, der ESC/EAS und kanadische Empfehlungen aus den Jahren 2019 bis 2021, erkennen den Kalzium-Score als Entscheidungshilfe an – etwa bei der Frage, ob Statine oder Aspirin sinnvoll sind6,4. Ausdrücklich geht es dabei um ein individuelles Gespräch zwischen dir und deinem Arzt, nicht um ein Screening für die breite Bevölkerung. Für die große Mehrheit mit Werten irgendwo dazwischen ist der Score weniger ausschlaggebend; hier fließen das Risiko unbegründeter Beunruhigung und möglicher Folgeuntersuchungen in die Abwägung ein.
Den Kern der Evidenz zur Vorhersagegenauigkeit und zu den Nachteilen bildet eine einzelne Metaanalyse (PMID 35467692). Weitere Aussagen stützen sich auf große Beobachtungskohorten (MESA, PMID 16365194) sowie auf Leitlinienpublikationen. Randomisierte Studien, die belegen, dass der Einsatz des Kalzium-Scores zu besseren klinischen Ergebnissen führt, existieren nicht. Alle beschriebenen Zusammenhänge sind observationeller Natur, sofern nicht anders angegeben.