Sind Schlafmittel auf Dauer schädlich?
Langzeitgebrauch klassischer Schlafmittel erhöht das Risiko für Abhängigkeit, kognitive Einbußen und eingeschränkte Fahrtüchtigkeit. Nimm sie deshalb nicht länger als zwei bis vier Wochen ein und besprich Alternativen mit deinem Arzt, wenn du sie bereits dauerhaft verwendest.
Klassische Schlaftabletten (Benzodiazepine) gelten für einen Zeitraum von bis zu zwei bis vier Wochen als sicher. Danach kippt dieses Verhältnis. Dennoch entwickelt sich ein kurzfristiger Gebrauch häufig zum Dauerproblem: In einer japanischen Kohortenstudie mit knapp 4.000 Neuanwendern nahm jede zehnte Person die Tabletten nach zwölf Monaten immer noch. Höheres Alter, eine hohe Anfangsdosis und die gleichzeitige Einnahme von Antidepressiva waren die stärksten Vorhersagefaktoren für dieses Muster1.
Körperliche Abhängigkeit bei Langzeitgebrauch ist gut belegt. Dabei werden zwei Formen unterschieden: eine behandlungsbedingte Abhängigkeit bei niedrigen Dosen und Missbrauch bei hohen Dosen. Beide Probleme sind seit fünfzig Jahren bekannt, werden von vielen verschreibenden Ärzten aber nach wie vor unterschätzt2.
Langzeitgebrauch beeinträchtigt außerdem die Denkleistung messbar. Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit sowie Planungs- und Entscheidungsfähigkeit nehmen nachweislich ab, selbst bei Personen, die die Mittel seit Jahren einnehmen. Im realen Straßenverkehr fuhren Anwender weniger spurstabil mit stärkeren Kursabweichungen. Interessant: Nach mehr als drei Jahren schien das Fahrverhalten leicht besser zu werden, vermutlich durch Gewöhnung. Die kognitiven Defizite blieben jedoch bestehen3. Eine Fahrsimulator-Studie fand keinen nachweisbaren Unterschied, allerdings waren die Gruppen klein, sodass dieser Befund wenig Gewicht hat4.
Ob Langzeitgebrauch dauerhafte Veränderungen im Gehirn verursacht, ist bisher kaum untersucht. Die Frage wird ernsthaft gestellt, eine Antwort gibt es aber noch nicht.
Neuere Schlafmittel, die sogenannten Z-Drugs wie Eszopiclon, schneiden etwas besser ab als klassische Benzodiazepine. Eszopiclon verkürzt die Einschlafzeit im Schnitt um 12 Minuten, reduziert die nächtliche Wachzeit um 17 Minuten und verlängert den Schlaf um 28 Minuten pro Nacht, auf Basis mäßiger Evidenzqualität5. Nebenwirkungen gibt es dennoch: einen unangenehmen Nachgeschmack (18% häufiger als unter Placebo), Mundtrockenheit, Tagesmüdigkeit und Schwindel. Bei älteren Menschen ist besondere Vorsicht angebracht. Z-Drugs scheinen insgesamt seltener Toleranz und Entzugserscheinungen auszulösen als klassische Benzodiazepine, doch beruht das auf einem deskriptiven Review und wurde in direkten Vergleichen nicht belegt6.
Alle Aussagen stützen sich auf PMID 21714826 (Review zu Benzodiazepinen, Abhängigkeit und Kognition), PMID 31837049 (Fahrtest und Kognition bei Langzeitanwendern), PMID 38996033 (Fahrsimulator-Studie, kleine Gruppen), PMID 31786448 (japanische Kohortenstudie zu Risikofaktoren für Langzeitgebrauch), PMID 30303519 (Metaanalyse zu Eszopiclon) und PMID 11716908 (deskriptiver Review zu Z-Drugs). Randomisierte Langzeit-Sicherheitsstudien fehlen; die meisten Erkenntnisse zu Schäden stammen aus Beobachtungsstudien oder Reviews.