Wirkt Spermidin wirklich gegen Alterung?
Spermidin-Nahrungsergänzungsmittel haben beim Menschen noch keinen belegten Anti-Aging-Effekt. In Tiermodellen ist die Datenlage solide, doch große klinische Studien stehen noch aus.
Spermidin ist eine Verbindung, die dein Körper selbst herstellt und die du zusätzlich über die Ernährung aufnimmst – Weizenkeime, Käse, Pilze und Hülsenfrüchte sind besonders reiche Quellen. Mit zunehmendem Alter sinkt der Spermidingehalt in Blut und Gewebe. Ob dieser Rückgang das Altern antreibt oder schlicht eine Folge davon ist, bleibt bislang offen1.
In Tiermodellen ist die Beweislage dagegen klar und kausal. Bei Hefepilzen, Fadenwürmern, Fruchtfliegen und Mäusen spielt Spermidin eine Schlüsselrolle in der Autophagie – jenem zellulären Selbstreinigungsprozess, bei dem beschädigte Proteine und Zellbestandteile abgebaut und wiederverwertet werden. Schaltet man die Spermidinproduktion genetisch aus, verschwinden die lebensverlängernden Effekte des Fastens vollständig. Auch Rapamycin, das in Tierversuchen schon länger als lebensverlängernd gilt, scheint seinen Effekt über einen Anstieg des Spermidinspiegels zu vermitteln2,3. Herzschutz und reduzierte Gelenkentzündung durch Fasten hängen bei Mäusen ebenfalls von ausreichend Spermidin ab2. Gealterten Mäusen und Fruchtfliegen verbessert zusätzliches Spermidin über die Nahrung außerdem Gedächtnis und Lernfähigkeit, vermutlich weil Gehirnzellen effizienter aufgeräumt werden4.
Beim Menschen beschränkt sich die Evidenz bisher auf statistische Zusammenhänge. Wer täglich mehr Spermidin über die Ernährung aufnimmt, stirbt seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. In einer großen österreichischen Bevölkerungsstudie mit tausenden Teilnehmern war eine höhere Spermidinzufuhr mit einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau verbunden1. Allerdings ernähren sich Menschen, die viele spermidinreiche Lebensmittel essen, möglicherweise generell gesünder. Kontrollierte klinische Studien zu diesen Endpunkten fehlen bislang.
Spermidin gilt als vielversprechende Substanz in der Alterungsforschung, doch groß angelegte randomisierte Studien am Menschen sind noch nicht abgeschlossen. Ob Nahrungsergänzungsmittel dieselben Effekte erzielen wie eine spermidinreiche Ernährung, ist ungeklärt. Auch die Langzeitsicherheit bei dauerhafter Einnahme ist beim Menschen noch unzureichend untersucht5.
Die Evidenz ist stark und kausal in Modellorganismen wie Hefepilzen, Fadenwürmern, Fruchtfliegen und Mäusen. Beim Menschen handelt es sich um epidemiologische Zusammenhänge und prospektive Kohortenstudien, darunter eine österreichische Bevölkerungsstudie mit tausenden Teilnehmern (PMID 30306826). Randomisierte klinische Studien am Menschen fehlen oder laufen noch.